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(K)Eine Alternative zur elektronischen Auslasssteuerung RAVE ist die pneumatische RAVE2. Dieses wird auf dem Zubehörmarkt oder in diversen Foren gerne als Tuningartikel deklariert und mit seltsamen Eigenschaften beworben.

Hintergrund

Ursprünglich war die RAVE2 die Auslasssteuerung der Rotax-127-Motoren (verbaut im Jahr 1987 bei der Aprilia AF1 125), die aufgrund mangelnder Präzision später durch die elektronische Auslasssteuerung ersetzt wurde. Das hat seinen Grund.

Die RAVE2 wird heute noch beim Kartsport an den Rotax-Max-Motoren verwendet und hat dort auch ihre Daseinsberechtigung. Man sollte hier begreifen, dass ein Motor im Kartsport anders gefahren wird, als ein Motorrad im Straßenverkehr. Dieser besteht ja all zu oft aus Stau oder aus einer Fahrt mit 70 km/h über eine lange Landstraße.

Verkauft wird dieses Teil allerdings manchmal als Tuning-Maßnahme für die RS 125, die gegenüber der herkömmlichen, elektronischen Auslasssteuerung nur Vorteile hätte.

Bilder

Ich habe die RAVE2 gekauft und ausprobiert – und so sieht sie aus:

Funktion

Die RAVE2 besteht aus einer Membran mit einer Feder, deren Vorspannung an dem roten Rädchen eingestellt werden kann. Ist der Abgasdruck auf der Membran hoch genug und die Kraft somit größer als die einstellbare Federkraft, öffnet der Schieber, so die Theorie.

Prinzipiell funktioniert dieses System so, dass der Druck im Auspuff auf eine Fläche wirkt, die diesen Gasdruck direkt in eine Kraft umsetzt, die proportional zum Druck ist. Dem entgegen steht eine Federkraft, die wiederum nur von der Federkompression abhängig ist. Auch wenn die Federvorspannung schon wirkt, ist die Federkraft weiterhin wegabhängig. Die zusätzlich auftretenden Haftreibungskräfte, die vor allem durch Verbrennungsrückstände hervorgerufen werden, sind nicht linear. Das führt dazu, dass diese pneumatische Steuerung nie zu einem exakten Zeitpunkt öffnet und wieder schließt, sondern eine Kennlinie mit Hysterese hat. Der pulsierende Druck im Auspuff kann diesem Hysterese-Problem entgegenwirken, dennoch wird der Schieber nicht nur ganz offen oder geschlossen bleiben, sondern über einen gewissen Bereich auch Zwischenstellungen haben.

Einstellmöglichkeit der Drehzahl

Beworben wird die RAVE2 daher oftmals damit, dass man die Öffnungsdrehzahl einstellen kann – was prinzipiell nicht falsch ist. Allerdings mangelt es hier an Präzision, der Druck ist auch nicht nur von der Motordrehzahl abhängig. Je nach Gasschieberstellung ändert sich der Massenstrom, was immer eine Änderung des Staudrucks im Auspuff nach sich zieht. Das wiederum ist nicht ganz so dramatisch wie es sich anhört, da man außerhalb von Vollgasfahrten ohnehin nicht auf absolute Präzision an diesem Teil angewiesen ist.

Problematischer sind Langzeiteinwirkungen von Verbrennungsrückständen und unverbrannte Öl-Reste, die den Auslassschieber generell zusetzen. Der elektronischen Auslasssteuerung ist es ziemlich egal, ob sie nun etwas mehr oder weniger Kraft benötigt, es wird einfach gezogen. Die pneumatische Variante hingegen muss die Haft- und Gleitreibung überwinden, die wesentlich von jenen Verbrennungsrückständen und Ölresten beeinflusst wird. Das ist auch ein wesentlicher Unterschied zum Kartsport: Hier kann man das Teil nach der Fahrt einfach „mal eben“ ausbauen und reinigen.

Hinzu kommt: Wie bereits in dem Artikel zur Funktion der Auslasssteuerung erklärt, gibt es bei der RS 125 nur zwei zulässige Zustände des Auslassschiebers. Entweder Auf oder Zu. In Zwischenstellungen würde man die Steuerzeiten oder Verdichtung nicht beeinflussen, der Schieber wäre aber ein Hindernis für den Abgasstrom. Ein solches Hindernis wirkt definitiv leistungsmindernd.

Soll lediglich auf eine höhere Resonanzdrehzahl reagiert werden und die Auslasssteuerung später öffnen, kann man dies auch durch Austausch des Steuergerätes tun.

Einbau und Nachrüstung

Zur Nachrüstung muss „lediglich“ ein Loch parallel zum Schlitz des Auslassschiebers gebohrt werden. Frühere Zylinder des Rotax 123 haben hier bereits eine verschlossene Bohrung, die nur wieder aufgebohrt werden muss. Für den Rotax 122 kann die Dichtung des RAVE2 als Schablone genutzt werden.

Das Loch muss nicht groß sein, ein Durchmesser von 3 oder 4 mm ist völlig ausreichend.

Rotax-123-Zylinder mit Bohrung für die pneumatische RAVE2
Rotax-123-Zylinder mit Bohrung für die pneumatische RAVE2

Das Polini-Zylinderkit ist serienmäßig schon mit einer Bohrung versehen, in die ein kleiner Einsatz gesteckt wird.

Ein Loch in den Zylinder zu bohren klingt so empfehlenswert, wie es tatsächlich ist. Das macht man nicht „einfach“ so. Das Loch lässt sich mit einer guten Ständerbohrmaschine und passenden Spannmitteln ohne Schwierigkeiten in den ausgebauten Zylinder bohren. Leider hat solche Maschinen nicht jeder in der heimischen Werkstatt und die Zylinderdemontage ist auch nicht so einfach und schnell gemacht, wie sich das mancher vorstell und wie das manchmal beworben wird. Daher ist der Vorteil der „Einfachen Nachrüstung“ auch etwas mit Vorsicht zu genießen.

Keinesfalls sollte dies mit einer Handbohrmaschine gemacht werden und auf gar keinen Fall direkt am eingebauten Zylinder. Der Zylinder muss dazu ausgebaut und nach der Bohrung gereinigt sein. Metallspäne im Kurbelgehäuse können und werden schnell zum Motorschaden führen.

Vor- und Nachteile

Der wirklich große Vorteil des RAVE2 liegt darin, dass man die RAVE2 zu dem selben Preis wie einen einzelnen Auslassschieber kaufen kann. Während ein einzelner Auslassschieber bereits etwa 160 € kostet, gibt es die RAVE2 komplett für etwa 180 €. Die Nachrüstung für eine RS, die keine Komponenten der Auslasssteuerung verbaut hat, ist so also, rein von den Anschaffungskosten, wesentlich günstiger.

Die Möglichkeit der Einstellung der Öffnungsdrehzahl ist mangels Präzision nicht unbedingt ein Vorteil – für eine gewünscht höhere Öffnungsdrehzahl gibt es auch das elektronische Steuergerät mit einer Öffnungsdrehzahl von 8.400 1/min statt 7.800 1/min.

Das Gewicht der RAVE2 ist ebenfalls niedriger als die herkömmliche Auslasssteuerung.

Als Vorteil wird ebenfalls oft aufgeführt, dass die RAVE2 nicht sofort und so schnell öffnet, wie die Elektronische Auslasssteuerung. Damit fährt sich der Motor bei der Öffnung ruhiger. Das stimmt auch, allerdings auf Kosten der Leistung in den Bereichen. Die sonst vorhandenen, als ruckartig empfundenen Leistungsspitzen im Bereich der Öffnungsdrehzahlen fehlen, die Leistung ist dort niedriger.

Fazit

Vor allem im Alltagsgebrauch beim Straßenmotorrad rate ich definitiv zur elektronischen Auslasssteuerung. Wer eine Auslasssteuerung nachrüsten muss, sollte nicht an den Kosten der Originalteile sparen. Da die Auslasssteuerung das Abgasverhalten des Motors beeinflusst, ist sie eigentlich auch einzutragen – was wohl kaum jemand macht.

Die Präzision kommt aus den genannten Gründen nicht an die elektronische Auslassteuerung heran, um die regelmäßige Wartung kommt man ohnehin nicht herum. Und: Wie kann es eigentlich zueinander passen, dass dem Teil einerseits eine präzise einstellbare Öffnungsdrehzahl attestiert wird und andererseits davon gesprochen wird, dass der Schieber nicht sofort sondern „langsam“ oder „übergangsweise“ öffnet?

Das Teil hat seine Daseinsberechtigung und die genannten Vor- und Nachteile. Es gibt Fahrer, die es schätzen, dass keine angeblichen Leistungsspitzen um die 8.000 1/min den Fahrer überraschen, wobei ich selbst diese Leistungsspitzen nie beobachtet hatte. Um einen „Tuning“-Artikel handelt es sich bei der RAVE2 definitiv nicht.

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